NinA NRW ist eine zivilgesellschaftliche Ausstiegs- und Distanzierungsberatungstelle im Kontext Rechtsextremismus. Sie machen sozialpädagogische Einzelfallhilfe und unterstützen bei unterschiedlichen Schwierigkeiten bei Ausstiegsprozessen. Ihre Ausstiegsberatung richtet sich primär an Personen mit extremen oder extrem rechten Einstellungen. Manche haben eine Anbindung an extrem rechte Strukturen oder Gruppierungen, andere nicht.

Wo begegnen euch bei NinA NRW Verschwörungserzählungen und Verschwörungsideologien in der Prozessbegleitung?

Verschwörungserzählungen begegnen uns in Ausstiegs- und Distanzierungsberatungsprozessen immer wieder, in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlicher Bedeutung für den Beratungsprozess. Sie können mit extrem rechten Haltungen und Ideologieelementen verbunden sein oder an diese anschließen – etwa in Form von Erzählungen wie dem „Great Reset“ als geheimen Plan zur Errichtung einer neuen Weltordnung oder der rassistischen, teils antisemitischen Erzählung des „Großen Austausch“, nach der eine angeblich gesteuerte „Umvolkung“ geplant sei.

In solchen Erzählungen begegnen uns klassische antisemitische Verschwörungserzählungen ebenso wie Reichsbürger-Narrative, etwa die Vorstellung, die Bundesrepublik Deutschland sei eine GmbH und kein souveräner Staat.

Häufig geht mit solchen Weltdeutungen ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, Medien oder gesellschaftlichen Gruppen einher. Daraus kann sich ein generelles Misstrauen gegenüber Mitmenschen und auch dem sozialen Umfeld gegenüber entwickeln. Hinter Ereignissen und Handlungen wird dann ein geheimer Plan oder eine böswillige Absicht vermutet.

Verschwörungserzählungen erfüllen dabei bestimmte Funktionen, die auch für extrem rechte Ideologien relevant sind. Nina NRW

Verschwörungserzählungen erfüllen dabei bestimmte Funktionen, die auch für extrem rechte Ideologien relevant sind. Sie können Komplexität reduzieren und in einer zunehmend unsicheren und als bedrohlich wahrgenommenen Welt Eindeutigkeit, Orientierung und Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig kann das Gefühl entstehen, mehr zu wissen als andere, Dinge „durchschaut“ zu haben. Das gibt Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Handlungsfähigkeit zurück.

Es gibt aber auch Beratungsnehmende, die zu Beginn eines Prozesses keine extrem rechte Weltanschauung teilen. Sie können sich beispielsweise über diffuse Verschwörungserzählungen gegen „die Elite“ oder „die da oben“ zunehmend extrem rechten Denkmustern annähern, da solche Erzählungen daran anschlussfähig sind oder aus ihnen hervorgehen. Gerade während der Corona-Pandemie haben sich manche Menschen eingeschränkt, unfrei und verunsichert gefühlt. Das entschuldigt eine Hinwendung zu extrem rechten Denkmustern nicht, kann aber dazu beitragen, sie zu erklären.

Über soziale Medien können sich solche Vorstellungen dann verstärken: Wer zunächst in eine entsprechende Blase gerät, bekommt zunehmend ähnliche Inhalte angezeigt. Wer an eine Verschwörungserzählung glaubt, kann dadurch empfänglicher für weitere Verschwörungserzählungen werden. So kann ein sich selbst verstärkender Prozess entstehen, der auch in extrem rechte Ideologien münden kann. Das muss nicht so sein, kann aber vorkommen. Die Übergänge zwischen unterschiedlichen Verschwörungserzählungen und Gruppierungen sind häufig fließend.

Inwiefern unterscheidet sich die Beratung, wenn jemand wegen Verschwörungsdenken oder wegen einer extrem rechten Haltung eine Distanzierung anstrebt?

In der Anbahnung und auch im weiteren Beratungsprozess würden wir zunächst keine großen Unterschiede feststellen. Eine zentrale Aufgabe ist in beiden Fällen, Vertrauen aufzubauen und mit möglichen Schamgefühlen umzugehen.

Aus der Beratungspraxis heraus würden wir allerdings sagen, dass der Vertrauensaufbau bei Menschen, bei denen Verschwörungserzählungen stark im Vordergrund stehen, häufig länger dauert. Oft muss zunächst mehr Vertrauen entstehen, bevor Menschen überhaupt bereit sind, sich wegen ihres Verschwörungsdenkens bei einer Beratungsstelle zu melden.

Oft muss zunächst mehr Vertrauen entstehen, bevor Menschen überhaupt bereit sind, sich wegen ihres Verschwörungsdenkens bei einer Beratungsstelle zu melden. NinA NRW

Vertrauen ist die Basis für jedem Beratungsprozess. Was hat sich beim Vertrauensaufbau mit Menschen bewährt, die sich mit dem Wunsch nach Distanzierung von Verschwörungsdenken an euch wenden?

Ein erster Punkt sind die transparenten Rahmenbedingungen: Am Anfang jedes Beratungsprozesses machen wir transparent, unter welchen Rahmenbedingungen die Beratung stattfindet. Wir führen vertrauliche Gespräche, als zivilgesellschaftliche Beratungsstelle sind wir nicht an Sicherheitsbehörden angebunden und es geht nicht darum, Informationen weiterzugeben.

Gleichzeitig gibt es Grenzen der Vertraulichkeit. Wenn beispielsweise Straftaten angekündigt werden, müssen wir entsprechend reagieren. Zudem besteht in der Sozialen Arbeit kein Zeugnisverweigerungsrecht. Das bedeutet: wenn eine Straftat vor Gericht verhandelt wird, könnten auch wir als Zeuginnen udn Zeugen vorgeladen werden. Passiert ist das noch nie. So können Beratungsnehmend informiert entscheiden, was sie teilen möchten und ob sie den Beratungsprozess fortsetzen wollen.

Ein zweiter Punkt ist der Beratungsort: Wir versuchen, „neutrale“ Räume zu finden, in denen sich die Beratungsnehmenden sicher fühlen. Wenn sich ein Ort nicht stimmig anfühlt, fragen wir nach, hören auch das was zwischen den Worten mitschwingt und suchen gegebenenfalls gemeinsam nach einer Alternative.

Von Anfang an sollte außerdem klar sein: Es geht nicht darum, die Person zu beurteilen oder ihr die eigene Meinung überzustülpen. Die Beratung schafft vielmehr einen Raum, in dem sie sich mit sich selbst und ihren Einstellungen auseinandersetzen und überlegen kann, wo es hingehen soll.

Natürlich haben wir als zivilgesellschftliche Ausstiegs- und Distanzierungsberatung einen Auftrag. Dazu gehört immer auch, demokratische und pluralistische Werte zu stärken. Aber die Beratungsnehmenden entscheiden selbst, inwieweit sie sich darauf einlassen.

Wichtig sind außerdem Freiwilligkeit und Transparenz. Der Beratungsprozess kann jederzeit beendet werden; niemand ist verpflichtet, das Angebot weiter wahrzunehmen. 

Und als Beraterin und Berater ist es wichtig, die eigene Haltung regelmäßig zu reflektieren. Wir bewerten als Menschen oft sehr schnell – deshalb müssen wir aufmerksam darauf achten, wie wir Fragen stellen und ob eigene Bewertungen mitschwingen. Ein hilfreicher Merksatz ist für uns, zwischen dem Verhalten und den Taten einer Person und der Person selbst zu unterscheiden: Ich kann mit bestimmten Haltungen oder Äußerungen nicht einverstanden sein, ohne die Person als solche abzulehnen. Dadurch bleibt die Möglichkeit zur Veränderung offen.

Was könnten wir als Beratungsteam tun, wenn Beratungsnehmende auf jede Frage mit Verschwörungserzählungen antworten und sich der Prozess im Kreis dreht? Welche Methoden haben sich für euch bewährt?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zunächst könntet ihr fragen: Warum ist dieses Thema gerade wichtig für Sie? Was hat es mit Ihrer eigenen Lebensrealität zu tun? Wo haben Sie etwas Ähnliches vielleicht schon einmal erlebt?

Wenn ständig von einem Thema zum nächsten gesprungen wird, kann man das auch transparent ansprechen: „Sie springen gerade von Thema zu Thema. Lassen Sie uns bei einer dieser Aussagen bleiben und genauer hinschauen.“ Das kann einige Anläufe brauchen, denn dieses „Themenhopping“ ist möglicherweise schon lange eingeübt. 

Hilfreich kann auch sein, bereits zu Beginn eines Gesprächs zu fragen, welches Thema heute bearbeitet werden soll, und sich auf ein oder zwei Punkte zu verständigen – im Sinne möglichst konkreter Auftragsklärung.

Wenn sich das Themenhopping bereits etabliert hat, kann auch eine kurze Unterbrechung helfen. Ihr könntet beispielsweise eine fünfminütige Pause vorschlagen und die Person bitten, für sich zu überlegen: Was sind heute die zwei wichtigsten Themen – oder was ist das wichtigste Thema? Anschließend kann man gemeinsam neu in das Gespräch einsteigen.

Insgesamt überschneiden sich viele der Methoden mit denen der Distanzierungsberatung im Kontext extrem rechter Ideologien. NinA NRW

Insgesamt überschneiden sich viele der Methoden mit denen der Distanzierungsberatung im Kontext extrem rechter Ideologien. Wichtig ist zunächst, Menschen und ihre Einstellungen nicht abzustempeln oder zu verurteilen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem sie Ereignisse, Einstellungen und damit verbundene Glaubenssätze reflektieren können.

Wie schon angemerkt, geht es nicht darum, Sachdiskussionen über einzelne Verschwörungserzählungen zu führen. Vielmehr schauen wir darauf, welche Funktionen die Verbreitung von Verschwörungserzählungen oder der Glaube an eine Verschwörungsideologie erfüllen und welche Bedürfnisse dahinterliegen könnten. Das ist sehr individuell: beispielsweise Mediennutzung, Werte und Ziele, aber auch Themen wie Autonomie und die Konsequenzen des eigenen Verhaltens.

Je nach Situation kann außerdem die Weitervermittlung an andere Angebote sinnvoll sein, beispielsweise an psychotherapeutische Unterstützung oder Schulnderberatung.

Können wir uns als Beratungsteam und Fachkräfte an NinA NRW wenden, wenn wir kollegialen Austausch zu einem Fall suchen?

Ja, auf jeden Fall. Wir bieten sowohl Fachkräfteberatung als auch kollegialen Austausch zu konkreten Fällen an.

In einem Erstgespräch schauen wir zunächst: Passt der Fall in unseren Arbeitsbereich oder ist eine andere Stelle geeigneter? Welche Themen und möglichen Motive spielen eine Rolle? Und was braucht die Fachkraft?

Das Gespräch kann bei Fachkräften auch digital stattfinden. Gemeinsam können wir beispielsweise überlegen, wie die Person, mit der die Fachkraft arbeitet, für eine Ausstiegs- und Distanzierungsberatung motiviert werden kann. Oder ob bereits eine tragfähige Beziehung besteht, über die die Fachkraft selbst Impulse zur Veränderung und Auseinandersetzung setzen kann.

Dabei geht es auch darum, was die Konfrontation mit Verschwörungserzählungen oder extrem rechten Haltungen bei der Fachkraft selbst auslöst. Das kann Sorgen, Ängste oder auch Wut hervorrufen, insbesondere wenn die eigenen Werte stark davon abweichen. Auch dafür sollte Raum sein.

Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen. Nicht jedes Thema muss von jeder Fachkraft selbst bearbeitet werden. Man kann einem Klienten oder einer Klientin auch transparent sagen: „Das ist ein Thema, das ich nicht mit Ihnen besprechen möchte. Es gibt dafür eine Beratungsstelle, die darauf spezialisiert ist.“

Wo liegen aus eurer Sicht aktuell die größten Herausforderungen in der Ausstiegs- und Distanzierungsberatung?

Eine grundlegende Herausforderung ist die Frage, wie wir unsere Zielgruppen überhaupt erreichen. Wie erfahren Menschen, dass es uns gibt und dass sie sich an uns wenden können?

Gleichzeitig geht es um die Frage, wie wir als Gesellschaft insgesamt den sozialen Zusammenhalt stärken und dafür sorgen können, dass Menschen weniger Anlässe haben, sich zu ideologisieren. Dafür braucht es nicht nur Beratungsstellen, sondern auch ein tragfähiges soziales Umfeld und unterstützende soziale Systeme. Gerade bei unserer Zielgruppe spielen dabei auch Angehörige und Freund*innen eine wichtige Rolle.

Ausstiegs- und Distanzierungsberatung hat häufig eine hohe Einstiegshürde. Menschen fragen sich lange: „Ist es wirklich schlimm genug?“ Oft melden sie sich deshalb erst sehr spät. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, Menschen zu ermutigen, sich frühzeitig zu informieren und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. NinA NRW